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Die Durchdringung des Alltags mit vernetzten digitalen Medien hat in den letzten gut zwei Jahrzehnten eine Ökonomie der Bilder entstehen lassen, in deren Zentrum das individuelle, identifizierbare Gesicht steht. Endlose Serien digital erfasster Gesichter zirkulieren in sozialen Netzwerken und immer leistungsfähigere Algorithmen erlauben ihre systematische Auswertung. Diese Situation erscheint fundamental neu, doch sie hat eine Vorgeschichte, die bis an die Anfänge technischer Bildproduktion zurückreicht. Im Sinne einer Archäologie der Gegenwart, die die kulturellen und epistemischen Voraussetzungen heutiger Bildpraxis freilegt, richtet die Arbeit Operative Porträts ihren Blick auf einige entscheidende Etappen dieser Vorgeschichte. Dabei verschränkt sie meist getrennt behandelte Stränge in der Geschichte des Porträts: Schlaglichter auf die Geschichte der Neubestimmung des künstlerischen Porträts in der Moderne, etwa in der russischen Avantgarde oder in Andy Warhols Factory, werden eingebettet in eine Geschichte privater Porträtpraktiken unter den Bedingungen massenhafter Bildproduktion, von Lavaters Schattenrissen über die Fotoalben des 19. Jahrhunderts bis zu Facebook, wie in eine Geschichte erkennungsdienstlicher Identifizierung, von der frühen Kriminalistik bis zur gegenwärtigen Gesichtserkennung. So versucht die Arbeit zu zeigen, wie bereits im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts der traditionelle Anspruch an das Porträt, im Einzelbild die gültige Repräsentation eines Individuums zu leisten, sukzessive vom Versprechen der Operativität abgelöst wurde: Bilder von Gesichtern wurden zu Elementen unabschließbarer Serien technischer Aufzeichnungen, dazu bestimmt, massenhaft mit anderen Aufzeichnungen verglichen und verknüpft zu werden. Dieser veränderte Status des Bildes – auch dies versucht die Arbeit zu zeigen – wurde in Kunsttheorie und künstlerischer Praxis schon früh reflektiert und expliziert, lange bevor er in allgegenwärtigen Digitalkameras technisch implementiert wurde.

Betreuung:
Prof. Dr. Beat Wyss (HfG Karlsruhe), Prof. Dr. Susanne Hauser (UdK Berlin)