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Vortrag

COVID – oder wie wir lernten, das Virus zu lieben. Das Szenario revisited _Eine Begegnung im geLOCKerten Lockdown.

Der Vortrag der Philosophin und Theaterwissenschaftlerin Jules Buchholtz mit anschließendem Workshop, widmet sich mit den wichtigsten Aspekten einer Ästhetik des Szenarios (Buchholtz: Wem gehört die Zukunft? Wissen und Wahrheit im Szenario. Berlin: neofelis, 2019). Im Zentrum steht die Frage, wie mit Szenarien, die künftige Realitäten vergegenwärtigen, politische Willensbildung beeinflusst werden und Zukunft herbeigeführt werden kann; somit also Zukunft nicht einfach passiert, sondern projiziert wird, um sie – im Regelfall - zu verhindern.
Wir machen derzeit sehr einschlägige, vielleicht auch einschneidende Erfahrungen mit Risikopolitik und mit einer Staatlichkeit, die sich überraschend physisch an von leiblicher Abwesenheit (social distancing) gekennzeichneten Stellen bemerkbar macht und damit gleichsam eine fehlende Körperlichkeit kompensiert. Auch hier sind es Szenarien, deren künftige Realisation zwar denkbar, aber keinesfalls gesichert ist, von denen Maßnahmen zu ihrer Unterbindung abgeleitet werden. So wird so manche Demagogie von unerwarteter Seite aufgrund einer plötzlich greifbar nah erscheinenden Katastrophe und unterlegt mit Schreckensbildern des schlimmsten Falls gebilligt und erscheint sogar nötig, um das kostbarste – das Leben selbst – zu schützen.
Vor exakt einem Jahr lautete ein Befund über die Überzeugungskraft des Szenarios wie folgt: „Das Szenario und seine Varianten etwa Fake News, Propaganda, Wahrscheinlichkeitsberechnungen, Trendanalysen, etc. wirken dort, wo Unsicherheit herrscht, eine Krise zeitnahes Handeln vorsieht, eine Lage außer Kontrolle zu geraten droht, gegen Ereignisse der Zukunft immunisiert werden soll, oder die Angst vor einer möglichen Zukunft gegenwärtiges politisches Handeln beeinflusst und es erhöht seine Bedeutung dort, wo es in der Lage ist, zu vergegenwärtigen, was viele fürchten und wenige lenken.“ Was wir erleben: Populismus, Zuspitzungen, Unterstellungen, Entgleisungen, Propagandaverdachte und haufenweise Fake News von allen Seiten, um die herrschende Gegenwart an, die mögliche Zukunft auf und das Virus hinzuhalten.
Nicht erst seit C-19, aber seither umso deutlicher sichtbar, ist die Produktion und gleichsam Abschaffung von Zukunft sowie die Steuerung von Handlungsabsichten durch mutmaßliche Worst Case-Szenarien mit einer Reihe von Problematiken bezüglich Zukunftsimperialismus, politischer Sicherheits- und Fortschrittsnarrative, Handlungsbeschränkungen und Handlungsauslösern verbunden, die dieser Vortrag zum Teil durch das Covidoskop der krisenhaften Gegenwart in den Blick nimmt und den Versuch einer kritischen Auseinandersetzung mit einer zwischen Fakten und Fiktionen oszillierenden Kulturpraxis unternimmt, die mit Gestaltungsanspruch und Steuerungshoheit immer stärker auf die Gegenwart und auf Willen und Entscheiden der in ihr Lebenden übergreift.

Unter folgendem Link am Vortrag teilnehmen: https://bbb.hfg-karlsruhe.de/b/jan-t3z-nn6. Ein Passwort wird nicht benötigt.

Der Vortrag wird auch auf Instagram live gestreamt: www.instagram.com/hfg_karlsruhe


Workshop

Der Workshop baut auf den im Vortrag vorgestellten Befunden und Fragestellungen auf. Wir werden den Input in zwei Formaten behandeln und dabei im Vortrag verhandelte Topoi aus den jeweiligen Fachexpertisen und künstlerischen Praktiken heraus bearbeiten. Im Sinne der Entfaltung von Ereignisverläufen, wie das Szenario als Kulturpraxis der Vorausschau den sich erst noch realisierenden Ereignissen vorgreift, wird das Thema in einer performativen Versuchsanordnung mit verzehrbarem Material prozessual dargestellt. Da die TeilnehmerInnenzahl auf 12 Personen begrenzt ist, meldet euch bei Interesse bitte bei Jandra Böttger an ().

Der Workshop findet unter besonderen Maßnahmen im realen Raum der Hochschule statt. Solltet ihr teilnehmen wollen, es euch aber aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich ist, unter Präsenz teilzunehmen, schreibt bitte eine E-Mail an Jandra Böttger. Für den Vortrag sind die TeilnehmerInnen des Workshops im Realraum zugelassen.


Jules Buchholtz

Jules Buchholtz studierte Philosophie und Angewandte Theaterwissenschaften in Heidelberg und Gießen, Fine Art und Performance am Dartington College of Arts in Groß Britannien und Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg. Im Mittelpunkt ihrer Forschung steht die Frage nach gesellschaftlicher Transformation und dem Einfluss von Technologie auf menschliches Handeln und Autonomie. Wie beeinflussen Zukunftsentwürfe und Transformationsbewegungen wie Digitalisierung und Automation unser Denken und Handeln? Welche gesellschaftlichen Werte werden aus künftigen Realitäten abgeleitet und nehmen Einfluss auf neu entstehende Wissenskulturen, das Verständnis von gesellschaftlicher Partizipation und Demokratie und nicht zuletzt auf Wert und Bedeutung der Künste?
Forschungsschwerpunkte: Zukunftsforschung, Szenariotechnik, Foresight; Sicherheitspolitik, Autonomie & autonome Waffensysteme, Sicherheitsregime; Performance, Theatralität, Emergenz, Handlungstheorie.

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