Gierig sind sie, unsere hungry eyes. Auf der Suche nach dem nächsten eye candy, dem nächsten visual pleasure.

Plastic erotic. Like in the middle of a mix between a kids playroom and a pornfilm studio.

Das Zähflüssige, das Feste, das Noppige. Konsistenzen küssen einander. Mal zärtlich, mal schroff, angespannt und dann wieder zäh zerfließend. Akteure in ihrer eigen gearteten Körperlichkeit, losgelöst von ihrem ursprünglichen Habitat: den Spielzeug- und Kosmetikabteilungen.
Getrieben von der grundlegenden Lust am visuell ästhetisch Erfahrbaren verschmilzt in 70% YUM digitale Ästhetik im Analogen.

I like it.

Hand in Hand geht die visuelle Bewertung mit ihrer eignen Ambivalenz. Wie im Falle von Dating-Apps: Digitale, öffentliche Orte, an denen Menschen sich durch Schnappschüsse von Körpern swipen, sich gegenseitig visuell konsumieren, spontan bewerten, bewertet werden und zu dem Zweck sich selbst bestmöglich inszenieren.

One look at you and I can’t disguise / I’ve got hungry eyes (1)

Dafür interessiert sich auch die Soziologin Eva Illouz, die Phänomene gegenwärtiger Datingkultur betrachtet. Am Beispiel von Tinder beschreibt sie, wie sich unsere Konsumgewohnheiten mit unseren Vorstellungen von romantischen und sexuellen Beziehungen verschränken. Der Körper werde durch „Visualisierung und Sexualisierung zum Gegenstand eines kurzen, spontanen Blicks. Personen werden zu Körpern, sich bewegende Körper werden zu Standbildern, und die Bewertung selbst wird zu einem unmittelbaren Akt der Beurteilung einer Momentaufnahme.“ (2)

Wie lässt sich über den Körper als Ort des sexuellen Konsums, über Oberflächen und Oberflächlichkeit sprechen, aber auch über das, was darunter brodelt, die Eingeweide sozusagen?

Wir lauschen den kleinen Anekdoten einer Ich-Erzählerin über Selbstinszenierung, digitale Gefühlswelten und die Alltäglichkeit von Tinder. Zu Sehendes und zu Hörendes: zwei Erzählstränge, die sich mal assoziativ, mal explizit aufeinander beziehen.

Und zwischendrin flechtet sich sanft ein Flüstern ein. Namen für Farben von Lippenstiften, dicht an dicht: lipstick poems. Ein Auszug:
DOLL ME UP / NUDE DELIGHT / BITE MY LIP / AT FIRST SIGHT.

Die Ambivalenz dieser Namen, zwischen Sinnlichkeit und Absurdität, werden durch Illouz’ Ausführungen auf den Punkt gebracht: „Sexyness ist das Resultat neuer Ideologien der Sexualität als einer Warenform und des Selbst als eines Bildes. Sexyness lebt von Konsumgegenständen, mit denen der sexuelle Körper enthüllt und betont wird. Konsumartikel und -praktiken verwandeln den Körper in eine Oberfläche, die visuell konsumiert werden soll und über die Fähigkeit, sexuelles Begehren auszulösen, definiert wird.“ (3)

Der Raum, in welchem sich die BetrachterInnen von 70% YUM befanden, machte das Spannungsverhältnis von Intimität und Inszenierung, von privatem und öffentlichem Raum spürbar. In einem der (Hochschul-)Öffentlichkeit zugänglichen Raum, hinter einem hohen, schwarzen Vorhang erstreckt sich eine Matratzenlandschaft aus sechs Singlebetten, bespannt mit schillernden Satinbettlaken. Erst einmal darauf gebettet, schwebte die Leinwand über uns.

„Auf meinen Fingerspitzen balancierend schwebt mein Handy über meinem Gesicht. Nur noch 20, dann mach ich’s aus und schlaf, denk ich mir, und zähle mit, während mein Zeigefinger routiniert von rechts nach links über den Bildschirm wischt…“ (4)

1: Hungry Eyes, E. Carmen, F. Previte, J. DeNicola, 1987
2, 3: Warum Liebe endet, Eva Illouz, 2018
4: Textauszug, 70% YUM

70% YUM, Video-Sound-Installation, 11:30 min
Stimme: Josephine Hochbruck
Sound: Janis Zeckai
Texte: Jana Hofmann, Paula Thomaka, Dior, Givenchy, L’Oréal , Manhattan, Maybellin Jade
Text Editing: Cécile Kobel
Schnitt: Jana Hofmann mit Meret Bhend, Vanny Bosch
Szenografie: Vera Gärtner mit Mathias Lempart

Betreuung: Sereina Rothenberger, Michael Kryenbühl, Ivan Weiss, Rebecca Stephany