Wie wollen wir lieben, wenn wir nicht mehr sterben müssen? "Castor&&Pollux" ist ein multimediales Musiktheater über Liebe und Unsterblichkeit. Es folgt dem Libretto und der Inszenierung von Lisa Charlotte Friederich und vereint Rameaus Musik mit der Neukomposition von Lukas Rehm und dessen Videoarbeiten, die monumentale Bildwelten mit Interviewsequenzen zu den Zukunftsprognosen von Ray Kurzweil (Entwicklungschef von Google) verschränken. Gemeinsam mit der Dramaturgie von Jim Igor Kallenberg, The Rossetti Players unter der Leitung von Barbara Konrad und Eugène Michaelangeli und einem internationalen Vokalensemble entsteht so auf der Bühne des begehbaren "4DSOUND"-Raumklangsystem ein multimediales Feuerwerk. Eine Produktion des Internationalen Musikfestivals Heidelberger Frühling.
Das multimediale Musiktheater "Castor&&Pollux" ist die größte Eigenproduktion seit Bestehen des "Heidelberger Frühling" 1997. Die immersive Produktion ist aus dem festivaleigenen "LAB" entstanden, das seit 2017 jungen Kreativschaffenden Raum für Ideen und Visionen gibt, um die Zukunft der musikalischen Aufführung zu gestalten. "Castor&&Pollux" setzt sich durch die Verwebung zweier Mythen – dem der griechischen Antike und dem der futuristischen Utopie des Transhumanismus – mit der Vision der menschlichen Unsterblichkeit auseinander. Die gleichnamige Barockoper von Jean-Philippe Rameau trifft auf ein interaktives "4DSOUND"-System, Mensch auf Maschine, antiker Mythos auf Posthumanes Zeitalter. Wie wollen wir mit den Errungenschaften der Technologie-Revolution leben, mit Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz? Es sind zentrale Fragen über die Zukunft unserer Gesellschaft, die hier im Mittelpunkt stehen.
Das künstlerische Team setzt sich aus den drei Fellows des Festival-"LAB" Lisa Charlotte Friederich (Regie, Libretto & Konzept), Lukas Rehm (Musik, Video & Konzept) und Jim Igor Kallenberg (Dramaturgie & Konzept) zusammen. Das Sängerensemble wurde in Zusammenarbeit mit Génération Baroque zusammengestellt, das Instrumentalensemble "The Rosetti Players" aus Spezialisten der historischen Aufführungspraxis ausgewählt. Die musikalische Leitung hat Barbara Konrad.
Kooperationspartner von "Castor&&Pollux" sind die Universität Heidelberg, Génération Baroque, die Neuromorphic Computing Platform der Universität Heidelberg, das Spatial Sound Institute Budapest und das ZKM Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe. Ermöglicht wird "Castor&&Pollux" durch die SAP SE und den Freundeskreis Heidelberger Frühling e.V.


Worum geht es?

Die beiden Brüder Castor und Pollux lieben sich und wollen für immer beieinander sein. Pollux ist als Sohn des Zeus unsterblich, Castor hingegen ist sterblich. Es passiert das Unvermeidliche: Castor stirbt und Pollux bleibt allein zurück. Zeus, als übermächtiger "Deus ex Machina", lässt sich schließlich erweichen und setzt die Brüder als Sterne an den Himmel und erfüllt ihnen den Wunsch nach ewiger Liebe. Von dort schauen sie noch heute auf uns herab. Aus der Zukunft kommt uns ein neuer "Deus ex Machina" entgegen: die »Singularity«. Ray Kurzweil, Entwicklungschef bei Google, prophezeit diesen Zustand als Realität im Jahr 2045: "In der Singularität werden unser biologisches Denken und Dasein mit unserer Technik verschmelzen. Das Ergebnis ist eine nach wie vor menschliche Welt, allerdings jenseits unserer biologischen Wurzeln. Danach wird kein Unterschied mehr sein zwischen Menschen und Maschine, oder zwischen physikalischer und virtueller Realität." Wir könnten dann auf der Grundlage von künstlicher Intelligenz, Robotik und computerbasierten Technologien unser Gehirn, unser Bewusstsein und unsere Emotionen – kurz, alles, was wir sind – in ein gemeinsames digitales Datennetz einspeisen. Der Mythos von der "Singularity" rückt den Traum von Unsterblichkeit und ewiger Liebe wieder ins Bewusstsein der Menschen.
Beim multimedialen Musiktheater "Castor&&Pollux" entlädt sich die Spannung zwischen diesen beiden Mythen durch sensible Begegnungen von Barockensemble und elektronischer Musik, von Video und Bühne, von Mythen der Vergangenheit und der Zukunft. In der Alten Aula der Universität Heidelberg begegnet Jean-Philippe Rameaus Barockoper "Castor et Pollux", arrangiert für Instrumental- und Vokalensemble, dem "4DSOUND"-Raumklangsystem. Diese Hightech-Konstruktion aus Lautsprechern ist begehbare Bühne, elektronisches Instrument, futuristische Kulisse und multimedialer Erfahrungsraum zugleich. Dort bewegen sich alle Akteure, das barocke Vokal- und Instrumentalensemble um die Leiterin Barbara Konrad und das Publikum, das von allen Seiten von der Musik umgeben ist. Das "4DSOUND"-Instrument kann Klänge über Computertechnologien und Lautsprecher gezielt im Raum positionieren, wiederum andere Klänge und Bewegungen durch Mikrofone aufnehmen, die dann über algorithmische und digitale Prozesse transformiert und erneut beantwortet werden.
Die elektronische Musik des Komponisten und Medienkünstlers Lukas Rehm bespielt das "4DSOUND"-Instrument in der Gegenüberstellung von überkomplexen Strukturen und emotionaler Klarheit, seine dokumentarischen und künstlerischen Videoarbeiten imaginieren auf LED-Screens eine Welt zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Die mit Rameaus Oper kommunizierende Bühnenhandlung folgt dem Libretto der Regisseurin und Schauspielerin Lisa Charlotte Friederich. Ihre Inszenierung entsteht in enger Zusammenarbeit mit Musik, Video und der dramaturgischen und wissenschaftlichen Bearbeitung des Stoffes und künstlerischen Materials durch Jim Igor Kallenberg. So entsteht ein pluraler Erfahrungsraum, der offenlässt, wer sich darin tatsächlich aufhält. Die beiden Brüder Castor und Pollux? Verliebte Roboter? Menschen der Zukunft? Oder Du und ich?
Der Heidelberger Frühling befasst sich in einer Festivaltrilogie 2017-2019 mit der Aufklärung. "Castor&&Pollux", die bislang größte Produktion des Festivals, entstand zu Beginn dieser Trilogie 2017 im "LAB" des Festivals. 2019, zum Abschluss der Trilogie, werden wir mit "Castor&&Pollux" daran erinnert, dass Aufklärung kein einmal erreichter Zustand der Gegenwart ist, in dem wir uns befinden und von dem aus wir als Erleuchtete über die Welt und ihre Geschichte richten. Immanuel Kant zielte auf das Gegenteil: Er projizierte einen Stern an den Himmel der Weltgeschichte. Von diesem aus würde "eine tröstende Aussicht in die Zukunft eröffnet werden, in welcher die Menschengattung in weiter Ferne vorgestellt wird, wie sie sich endlich doch zu dem Zustande empor arbeitet in welchem alle Keime, die die Natur in sie legte, völlig können entwickelt" werden. So basiert das moderne Geschichtsbild auf einer Vorstellung von Gesellschaft, die über die Endlichkeit des Einzelmenschen hinaus einen irrealen utopischen Fluchtpunkt annimmt, dem sie entgegenstrebt. Heute kommt das Versprechen der Unsterblichkeit aus Tech-Unternehmen: Business- und Computer-Nerds aus dem Silicon Valley und der ganzen Welt stecken Milliardenbeträge in die Erforschung dieser Utopie.
Die Zukunft ist nicht so fern. In Heidelberg ist mit der Forschungsplattform "Neu-romorphic Computing" ein Ableger des "Human Brain Projects", eines der größten EU-‚big-science‘ Forschungsprojekte, beheimatet. Das "Human Brain Project" soll das gesamte Wissen über das menschliche Gehirn zusammenfassen und mittels Simulationen und Computerarchitekturen nachbilden. Es ist leicht, an den fortschrittsgläubigen Prophezeiungen von IT-Konzernen und autoritären Staaten zu zweifeln, aber wohin sich die Gegenwart entwickelt, hängt davon ab, welches Bild wir in der Lage sind, von der Zukunft zu zeichnen. Damit nicht der Mensch zum Mittel der Technik, sondern die Technik zum Mittel des Menschen wird. Weiter: Auf dass nicht die Roboter uns, wir die Roboter oder wir gemeinsam mit den Robotern das Universum unterwerfen, sondern dass die Geschichte wie Rameaus Oper mit der "fête de l’Univers", der Feier des Universums, endet, und Menschen, Maschinen, Götter und Planeten gemeinsam den Einzug in ein in Liebe versöhntes Weltall feiern – in eine neue, plurale und dezentrale Kosmologie der Liebe.


Das künstlerische Team

Lukas Rehm – Videokunst, Musik & Konzept Lukas Rehm (*1989 in Memmingen) ist Künstler und Musiker im Bereich Neue Medien, Installationskunst, Dokumentarfilm und experimentelle Fiktion. Seine künstlerischen Arbeiten untersuchen Bedingungen und Theatralik sozialer Strukturen, den Einfluss von neuen technologischen Artefakten und die Rolle des Affekts. Sein Debütalbum "Syncleft Chronem" veröffentlichte er 2018 unter dem Pseudonym "LY BES DIMEM" beim Label "SVS Records", nachdem er 2016 eine Künstlerresidenz am Spatial Sound Institute Budapest absolviert hatte. Lukas Rehms Installationen, Raumkompositionen und audiovisuelle Ausstellungen wurden international in der Fridman Gallery, New York, im Nordic House Reykjavik und national am ZKM Institute for Music and Acoustics, Karlsruhe und in der Bundeskunsthalle Bonn präsentiert und ausgezeichnet unter anderem mit dem "Stipendium für Neue Musikformen" der Kunststiftung Baden-Württemberg und dem "Bundespreis für Kunststudenten" (2017).

Lisa Charlotte Friederich – Texte, Regie & Konzept Lisa Charlotte Friederich (*1983 in Karlsruhe) arbeitet als Schauspielerin und Regisseurin. Nach dem Studium an der Staatlichen Schauspielschule Stuttgart (hmdk) und dem Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft bilden ihre Auftritte ein breites Spektrum sowohl auf der Bühne als auch in Film und Fernsehen. Jüngste Arbeiten umfassen die weibliche Hauptrolle in dem biografischen Kinofilm "Fritz Lang" (Hessischer Filmpreis 2016), wiederholte Zusammenarbeit als Regieassistentin und Schauspielerin mit Heiner Goebbels unter anderem bei der Ruhrtriennale sowie das Spielfilmdebüt "Live"(Drehbuch und Regie), das 2019 fertiggestellt wird. Sie hat zahlreiche Stipendien und Preise gewonnen, unter anderem das Stipendium des Evangelischen Studienwerks Villigst, der Kunststiftung Baden-Württemberg (Darstellende Kunst 2016), wurde zur "Beliebtesten Schauspielerin" der Schauspielbühnen Stuttgart gewählt und ist Künstlerin der stART-Akademie von Bayer Kultur (2018–2019).

Jim Igor Kallenberg – Dramaturgie & Konzept Jim Igor Kallenberg ist als Dramaturg und publizistisch in der zeitgenössischen Musik und Musiktheater tätig. Er war 2017–2019 Dramaturg bei Wien Modern, bei Produktionen beim Heidelberger Frühling, Gessnerallee Zürich, Dramaturgiemitarbeiten an der Oper Frankfurt et al. Als Autor publiziert er in Hörfunk (Deutschland-funk Kultur, den hr2-kultur, WDR3, SWR2), Printmedien (nmz, NZfM, MusikTexte e.a.) und Musikwissenschaft (edition text+kritik, Wolke Verlag e.a.). Seit 2015 ist er in Konzeption und Lektorat beim Wolke Verlag tätig. Ausbildung, Stipendien und Preise umfassen das Studium der Philosophie und der Musikwissenschaft in Frankfurt am Main und Wien, Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes (2016–2018), Stipendium „Akademie Musiktheater heute“ der Deutsche Bank Stiftung (2017–2019), Residency der Villa Abegg des Heidelberger Frühlings (2017–2019) und Residency Spatial Sound Institute Budapest (2018/19). Teilnahme an Kursen und Workshops bei den Donaueschinger Tagen für neue Musik, den Darmstädter Ferienkursen für neue Musik (Stefan Fricke) und des Heidelberger Frühlings (Szenario.Zukunft, Gesamtakademie und Akademie für Musikjournalismus, Eleonore Büning) und Preis Forum junger Autoren (MusikTexte, 2017).

Barbara Konrad – Musikalische Leitung & Konzertmeisterin Barbara Konrad, geboren in Graz, studierte klassische Violine in Graz und in Wien. Sie hörte 2001 auf in Orchestern zu spielen sowie zu unterrichten und spielte Tango, Tanzmusik und Wiener Schrammelmusik. 2008 ging sie nach Belgien, um dort Alte Musik zu studieren. Seitdem spielt sie regelmäßig Violine und Viola in La Petite Bande, Ars Antiqua Austria, Bach Concentus, und – neben sehr viel Kammermusik – ab und zu in den Gruppen wie Les Buffardins, Le Concert d’Anvers, Il Gardellino, L’Orfeo Barockorchester. Im Moment beschäftigt sie sich intensiv mit Diminutionen der Musik Italiens um 1600 und erforscht zusammen mit Klaus Lang die klanglichen Möglichkeiten der Viola d’Amore.

Eugène Michelangeli – Einstudierung Chor & Cembalo Eugène Michelangeli wurde in Frankreich geboren. Er begann sein Cembalostudium bereits als Kind in der Musikschule von Dieppe, wo er 1995 die Médaille d’or erhielt. Danach setzte er sein Studium am Conservatoire National de Région de Boulogne-Billancourt fort und erlangte 1998 den ersten Preis für Cembalo und Generalbass. 2002 schloss Eugène Michelangeli sein Studium bei Gordon Murray an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien mit dem Magister Artium ab. Neben Lehraufträgen an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien sowie an der Kunstuniversität Graz führt Eugène Michelangeli ein national wie international intensives Konzertleben. Er trat u. a. als Kammermusiker bei den Salzburger Festspielen, den Wiener Festwochen, der Styriarte in Graz, dem Italia Mia Festival in Wien sowie auch als Solist bei den Thüringen Bachwochen auf. Als Mitglied des European Union Baroque Orchestra für das Jahr 2000 und 2003 spielte er als Solist und Continuo-Spieler unter der Leitung von Paul Goodwin, Roy Goodman und Lars Ulrik Mortensen u.a. in Amsterdam (Concertgebouw), Stuttgart (Liederhalle), London, Brussel, Hannover und Riga. Er ist Gast bei verschiedenen Opernproduktionen (u. a. Festival d’Ambronay, Oper Bonn, Wiener Festwochen, Haydn Festspiele Eisenstadt, Theater an der Wien, Teatro Real Madrid).

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