Cybermystik
Die scheinbar stocknüchterne Wissenschaft der Kybernetik wies von Anfang an einen imaginären Überschuss auf und lud zu spirituellen, ja mystischen Spekulationen ein. Diese Tendenz verstärkte und popularisierte sich mit der Entstehung von Cyberspace und Internet, in denen nicht wenige Autoren eine kollektive Intelligenz bzw. eine technisch erzeugte Noosphäre erblicken wollten. Dieser Tage scheint der Cyber-Mystik-Diskurs zwar wie von der Bildfläche verschwunden, man darf aber davon ausgehen, dass er sich nur im Standby-Modus befindet. Das Seminar möchte diese Windstille zu einer Bilanz nutzen und die behaupteten Parallelen zwischen mystischer Tradition und den computertechnischen Spekulationen auf den Prüfstand stellen. Anhand einschlägiger Textlektüren (Platon, Plotin, Meister Eckhart u.a.) wird zunächst ein Arbeits-Begriff von „Mystik“ entwickelt, d.h. der geistes- und kulturgeschichtliche Kontext entfaltet. Sodann werden die Klassiker der philosophischen Kybernetik (Konrad Zuse, Norbert Wiener, Gotthard Günther) in Grundzügen studiert, um in einem dritten Schritt exemplarische Exkursionen in die cyber-mystische Bibliothek (etwa Wiliam Gibsons „Neuromancer“, Frank Tipplers „Die Physik der Unsterblichkeit“ oder Pierre Lévys „Die kollektive Intelligenz“) zu unternehmen. Zur einführenden und seminarbegleitenden Lektüre empfiehlt sich: Luca Di Blasi (Hrsg.): Cybermystik, Paderborn (Fink) 2006, mit Beiträgen von Boris Groys, Marc Jongen, Cai Werntgen u.a. Einführungsveranstaltung mit Referatvergabe: Mittwoch, 18.10.2006, 14–16 Uhr
