THE SHOW THAT NEVER HAPPENED
Im Rahmen der Jahresausstellung SOMMERLOCH zeigen Studenten von Prof. Anna Jermolaewa, Prof. Michael Clegg und Prof. Armin Linke ihre Arbeiten im "Casino" des ehemaligen Versorgungsamts. In dem auf Grundlage eines Entwurfs des Architekten Egon Eiermann entstandenen Gebäudes wird vom 13. bis 17. Juli eine facettenreiche Auswahl u. a. von Skulpturen, Objekten, Foto- und Video-Arbeiten zu sehen sein.
Eines zweier Objekte von Oskar Klinkhammer
Mit den Arbeiten von Jan Brož, Hanna Cooke, Benedikt Dichgans, Jan Erbelding, Johannes Evers, Elke Hennen, Katrin Agnes Klar, Oskar Klinkhammer, Oliver Krätschmer, Kevin Pawel Matweew, Barbara Trost und Jasmin Werner werden aktuelle Positionen der Medienkunst ausgestellt. Zum Teil sind die Arbeiten direkt für die Ausstellung konzipiert und realisiert worden.
"Ohne Titel", Benedikt Dichgans, 130,0 x 81,2 cm, Inkjet-print auf Mdf, 2010
Da das "Casino" erst kurz vor dem SOMMERLOCH als Ausstellungsort gewonnen werden konnte und sich die Ausstellung den "Charme des letzten Momentes" (Jan Brož) zu eigen macht, gaben die Stundenten ihr den Titel "THE SHOW THAT NEVER HAPPENED".
/
THE SHOW THAT NEVER HAPPENED
Vernissage: 13. Juli 2010, 20 Uhr
Ausstellung: 14. bis 17. Juli 2010
Ort: „Casino“ des ehemaligen Versorgungsamts, Brauerstraße 2, 76135 Karlsruhe
/
THE SHOW THAT NEVER HAPPENED
Von Christina Irrgang
Wie hält man eine Begegnung oder einen ephemeren Moment fest? Mit einer Ausstellung, könnte die Antwort darauf lauten. Eine Ausstellung, die versucht, die Flüchtigkeit des Augenblicks in Bildern zu bewahren, und diese Begegnung – deren Realität an Zeit und Raum gebunden ist, in diesem Fall an die Karlsruher Hochschule für Gestaltung – bildhaft in der Erinnerung ablegt.
the show that never happened lautet der Titel dieser erdachten Ausstellung, die sich aus der Begegnung von zwölf aktuell an der HfG Studierenden entwickelt hat, und im Rahmen der Jahresausstellung Sommerloch 2010 hier im Pavillion des ehemaligen Karlsruher Versorgungsamtes in Eigenorganisation entstanden ist. Gezeigt werden Arbeiten, die während des letzen Semesters im Kontext ihres Studiums oder eines Gastsemesters im Fachbereich Medienkunst bei den Professoren Anna Jermolaewa, Michael Clegg und Armin Linke entwickelt wurden.
„Vor dem Museum“, so der Titel der Text-Arbeit von Oliver Kraetschmer, beruht auf der Verfremdung eines literarischen Textes, bei dem der Künstler ein in einem Textverlauf konstitutives Wort mehrfach durch ein anderes, dem Kunstkontext entnommenes, austauscht und so einen neuen Sinnzusammenhang produziert. Diese von Kraetschmer so benannte „Dekontextualisierung“ ist Teil einer Folge derartiger Arbeiten, und eröffnet als subtiler Bildkommentar im Eingangsbereich des Pavillions die Ausstellung.
Benedikt Dichgans betrachtet das Medium Fotografie in seiner Arbeit als eine Form des Readymade: Im Ablichten eines Heizkörpers sowie einer Klimaanlage, die er in Originalgröße zum Bildgegenstand bringt, arbeitet der Künstler mit den Mitteln der Augentäuschung, wobei er das Abbild eines Gegenstandes mit dem jeweiligen Raum in Beziehung setzt. Das eigene Temperaturempfinden des Betrachters, oder die der Klimaanlage-Fotografie angegliederte Soundinstallation stehen so in Wechselwirkung mit seinen Bildern.
Die Re-Inszenierung der Kunstgeschichte wird zum Bildgegenstand in der Videoplastik „Neo-Biedermeier“ von Johannes Evers. Der Bildhauer (Kunstakademie München) stellt in seinem Video drei Gemälde nach, so u.a. Caravaggios Bacchus, die noch während der von Evers durchgeführten Inszenierung von dem Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich in Form einer Bildbeschreibung kommentiert werden. Das Präsentationsformat – ein hochkant aufgestellter Laptop – referiert dabei an das Medium Buch, wie auch an eine an das Medium Notebook gekoppelte, „neue“ Privatheit.
Die Installation „Kein Zuhause für und Konsorten“ von Elke Hennen besteht aus drei hoch in den Raum ragenden, halb offenen Säulen. Die aus Filz gefertigten Raumeinschlüsse werden von kleineren, amorphen Objekten (u.a. aus Wolle und Knochen) und solchen Skulptur-Fragmenten umgeben, welche den sie umgrenzenden Ausstellungs-Raum in ihrer Materialität spiegeln, und ihm als Mutation seiner Substanz begegnen.
Jan Erbeldings Fotografie lässt hingegen einen konkreten Raum surreal erscheinen. Die bei Tag entstandene Aufnahme wurde von dem Künstler mit einem Farbfilter versehen, durch welchen die so eingefangene Landschaftsdarstellung sich nur schemenhaft abzeichnet, und eine illusorische Tiefenwirkung des Bildes mit sich führt. „Inneres Firmament“ lautet der Titel des Bildes und gleichsam auch der eines Buches der fantastischen Literatur, auf welches sich Erbeldings Fotografie bezieht.
Barbara Trost (Kunstakademie München) rückt mehr das Konkrete in den Blick: Ihre in die Innenarchitektur des Raumes integrierte Fotografie zeigt zwei horizontal über dem Meer schwebende Seile, die von eine Gruppe von Vögeln besetzt sind. Die Lücke, die zwischen zweien dieser Vögel besteht, wird durch optische Verschiebung durch einen singulären Vogel auf der anderen Leine geschlossen – und zeigt so aus der Sicht von Trost sinnbildlich das temporäre Verbinden und Loslösen einer Gemeinschaft.
Der Einschluss des Blicks wird hingegen mit den Objekten von Oskar Klinkhammer zum Gegenstand gebracht: Gleich einem Guckkasten hat der Künstler aus unterschiedlichen Materialien eine Folge an Raumeinschlüssen entwickelt, in die der Betrachter mittels eines Türspions hinein schauen kann. Das einzelne Objekt steht dabei über die jeweilige äußere, zumeist surreal-amorph ausgeformte Gestalt auch in Bezug zu dem Bild, dem sich der Betrachter – gleich einem Voyeur – im Inneren des Gebildes annähert.
Die Aufhebung, Verschiebung oder Dekonstruktion gewohnter Sehverhältnisse kennzeichnet die von Katrin Agnes Klar (studiert parallel auch an der Kunstakademie München) präsentierte Fotografie: Zu sehen ist eine Landschaft mit einer Hütte, die durch eine Lupe betrachtet wird. Mittels eines optischen Umkehreffekts erscheint die Hütte dabei jedoch kopfüber im Bild. Das so erzeugte Trugbild wird noch im Bild aufgeklärt: Es ist eine in der Fotografie sichtbare Hand eines fiktiven Beobachters, welche hier die Wahrnehmung des Betrachters verkehrt.
Jasmin Werners Bild-Text-Arbeit „That Was Just A Dream“ richtet den Fokus auf die Introspektion. Ausgangspunkt war hierbei der Traum des Markgrafen Karl Wilhelm von Baden Durlach, der Anfang des 18. Jahrhunderts, schlafend unter einem Baum im „Hadtwaldt“, die Vision der Fächerstadt hatte. Werner hat gemeinsam mit dem Karlsruher Psychoanalytiker Sebastian Leikert in einer Gruppe von sechs Personen die Deutung des Traums von Karl Wilhelm mit der Methode der freien Assoziation rekonstruiert, die hier nun in Form einer Bild-Text-Dokumentation vorliegt.
Unter dem Titel „Re-Definition of Art Deco“ zeigt Jan Broz (AVU Praha) eine Folge an Buntstiftzeichnungen, die er im Format einer Video-Performance präsentiert und kommentiert. Die Zeichnungen bestehen mitunter als Leporello angelegte Bildfolge, und weisen in unregelmäßigem Wechsel eine konstruktivistisch-geometrischen Formensprache (ausgeführt in einem starken Kolorit auf schwarzem Grund) sowie in Schwarz-Weiß gezeichnete Körper- und Aktstudien auf. Im sprachlichen Benennen des Bildgegenstandes – so durch die Zuordnung eines Titels eines jeden Bildes – stellt Broz gleichsam auch die Symbolhaftigkeit des Bildes in Frage.
In einem vom Ausstellungsraum abgeschlossenen Separée – dem ehemaligen Warenanlieferbereich – zeigen Hannah Cooke und Kevin Pawel Matweew ihre Arbeiten, die zwischen Innerlichkeit und Aufbruch dessen changieren und auf subtile Weise eine Allianz mit dem eigentümlichen Raumgefüge eingehen, das sich zu einer Seite in den Außenraum öffnet, und von diesem bloß durch ein Gitter getrennt ist.
Hannah Cookes Fotografie, die einen privaten Moment im Lebensraum ihrer Großeltern einfängt, zeigt einen neben einem Fenster platzierten Vogelkäfig mit Vogel. Die Struktur des Käfigs, der als eine hybride Konstruktion zwischen Innen- und Außenraum besteht, „spiegelt“ sich so gleichsam in Materialität und Konstruktion des Raumgefüges, in dem die Fotografie präsentiert wird.
Die minutiös ausgeführten Zeichnungen von Kevin Pawel Matweew schälen aus präzise dicht nebeneinander oder zueinander ausgerichteten Strichen ihren Bildkörper heraus. Die einzelne, sich zu einer Schraffur verdichtende Linie auf dem Papier, steht dabei in Korrespondenz mit der geometrischen Struktur des Gemäuers und Gitters – und setzt Matweews fragile Bildräume darin fort.
