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17.05.2012
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1378km

Stellungnahme der Professoren Michael Bielicky und Heiner Mühlmann

 
Die Professoren der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Michael Bielicky und Heiner Mühlmann nehmen mit den folgenden Texten zu der Debatte um das Computerspiel „1378(km)” von Jens M. Stober Stellung. Prof. Michael Bielicky und Prof. Dr. Heiner Mühlmann betreuten Jens M. Stober während seines Vordiploms und bewerteten „1378(km)” mit der Note 1. Michael Bielicky ist Leiter des Fachbereichs Medienkunst, in dem auch das GameLab – Labor für Computerspiele angesiedelt ist. Heiner Mühlmann ist Lehrbeauftragter für Philosophie und Kulturtheorie an der HfG Karlsruhe.

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Michael Bielicky

Diese Anmerkung schreibe ich am 7. Oktober 2010 aus Havanna, wo in vielen Punkten ähnliche politische Bedingungen herrschen wie in der ehemaligen DDR. Ich habe hier das Konzept der Arbeit „1378 km“ in unterschiedlichen kulturellen Kreisen vorgestellt, und es wurde jedesmal mit einer unerwarteten Begeisterung wahrgenommen und als eine gelungene Inspiration für die Reflexion der seit mehr als 50 Jahren andauernden Fluchtsituation in Kuba angenommen. Es ist schon erstaunlich, dass diejenigen, die unter solchen dramatischen Umständen an diesem Ort heute noch leben, eine viel größere Empfänglichkeit für das innovative, narrative Format  des  Spiels von Jens Stober aufbringen als die teilweise selbsternannten Vertreter der Opfer der ehemaligen DDR, die Profilneurotiker, die sensationsgierigen Massenmedien and alle übrigen Trittbrettfahrer. Die einzigen, die sich hier in Havana kritisch geäußert haben, waren paradoxerweise einige Bürger aus der Ex-DDR, die in Havanna seit Jahrzehnten leben, wo sie als damalige Staatsdiener (natürlich stasikompatibel) gewirkt haben. Vaclav Havel, der Meister des absurden Theaters, hätte hier große Inspiration gefunden. Anstatt die Raffinesse des jungen Künstlers dieses Spiels anzuerkennen, mit der er einen innovativen Bildungsbeitrag leistet, werden von den gerade genannten „Sprechern“ konfuse Meinungswellen erzeugt, weil sie offenbar selbst völlig fantasielos sind und ihre so genannte Political Correctness als ihre letzte Ausdrucksmöglichkeit erkennen.

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Dramaturgische Expertise zum Computerspiel „1378 km“
von Heiner Mühlmann

Dramaturgische Strategien arbeiten mit der Technik der kalkulierten Voreiligkeit. Voreiliges Verhalten manifestiert sich dabei sowohl im Bereich der Repräsentation als auch im Bereich der Präsentation. Im Fall „1378 km“ betrifft die Repräsentation den Content (deutsch-deutsche Grenze, Schießbefehl etc.). Bei der Präsentation geht es um die Pressearbeit für das Spiel und um das Freischalten im Internet.

Im Verhältnis zu den traditionellen Simulationsmedien Tragödie/Komödie, Film, Fernsehspiel bietet das first-person-shooter-online-Spiel neue Möglichkeiten für die Nutzung des Voreiligkeitsverhaltens. Die wichtigste Neuheit besteht aus der Ersetzung der zweiwertigen Struktur „Schauspieler/Zuschauer“ durch die einwertige Struktur „Erste-Person-Spieler“. Bei der Struktur „Schauspieler/Zuschauer“ wird der emotionale Gehalt der erzählten Geschichte durch Empathie vom Schauspieler auf den Zuschauer übertragen. In der aristotelischen Dramaturgie nannte man das Empathie-Prinzip „eleos“. Ödipus zum Beispiel trifft eine voreilige Entscheidung. Er tötet seinen Vater, erkennt seinen Fehler zu spät und wird schuldig. Die Schicksalsgottheiten lassen die Entschuldigung „ich habe es nicht gewusst“ nicht gelten. Der Empathiekanal überträgt den Horror des Geschehens auf die Zuschauer. Horror heißt auf griechisch „phobos“.

Im ego-shooter-online-Spiel fallen die Personen „Schauspieler“ und „Zuschauer“ zusammen. Die Emotionen, die vom Geschehen ausgelöst werden, manifestieren sich jetzt direkt im Organismus des Spielers. Der Spieler ist sein eigener Zuschauer. Damit entfällt der Empathie-Kanal. Die Simulation gewinnt an Unmittelbarkeit.

Der erste dramaturgische Kunstgriff besteht aus der Nutzung der Technik „Zielen und Schießen per Mausklick“ und aus der Spekulation auf die Tatsache, dass der Spieler diese Technik bereits beherrscht, bevor er mit dem Spiel beginnt. Er wird auf diese Weise dazu verleitet, voreilig mit dem Zielen und Schießen zu beginnen, zuzulassen, dass sein neuronales Belohnungssystem positiv reagiert, und damit zu rechnen, dass die Spielwertung ihm auf diese Weise zu einem Erfolgserlebnis verhelfen wird. Nach einiger Zeit des Spielgeschehens wird der Gamer jedoch mit einer moralischen Wertung konfrontiert. Er wird per Zeitreise vor ein Gericht gestellt und muss feststellen, dass die Evaluation des Spiels völlig anders funktioniert. Er stellt zu spät fest, dass er im Sinne der Spielwertung schuldig geworden ist.

Das narrative Grundmuster, das in „1378 km“ benutzt wird, hat den Namen „Läuterung“ (vom Saulus zum Paulus). Die moralische Botschaft: „Misstraue dir selbst! In ungewohnten Situationen handelst du anders als du meinst!“

Die kalkulierte Voreiligkeit im Präsentationsbereich sieht folgendermaßen aus:  Das ego-shooter-online-Spiel ist kein Medium, dem ein hochkultureller Wert zuerkannt wird. Es ist ein Medium, von dem der kulturelle common sense meint, in ihm kämen nur Narrative zur Darstellung, die niedere Instinkte ansprechen, und das Medium an sich befriedige nur die primitivsten Unterhaltungsbedürfnisse.

Die Schießbefehle an der deutsch-deutschen Grenze sind ein Thema von hohem politischem Ernst. Wenn folglich Presse und Öffentlichkeit einen Trailer sehen, in dem auf dem Bildschirm das Zielgerät eines Ego-Shooters und ein Flüchtling als Ziel erscheinen, wenn über allem der Hinweis steht „deutsch-deutsche Grenze“, dann wird eine kulturelle Schockbewegung ausgelöst.

Hier verfolgt das dramaturgische Kalkül folgendes Ziel: Der kulturelle common sense und das political-correctness-Verhalten lernen nur durch Katastrophen und Skandale. Die verkürzte Information „Ego-Shooter, deutsch-deutsche Grenze“ löst einen Skandal aus. Der Skandal erzeugt Publizität für das Spiel. Mit Verspätung stellt das skandalisierte Publikum fest, dass es voreilig geurteilt hat, und dass erstens das bei dem Spiel eingesetzte dramaturgische Konzept ethisch nicht angreifbar ist, und dass man  zweitens von keinem neuen Medium wissen kann, ob es tatsächlich von Natur aus minderwertig ist.
 
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Zur Stellungnahme des Rektorats
Zur Stellungnahme von Jens M. Stober

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