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23.02.2012
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1378(km)-Premiere

Premiere des Computerspiels am 10.12.2010 / Interview mit Prof. Michael Bielicky und Jens Stober

 

 
Das Computerspiel „1378(km)“ schlug im Oktober hohe Wellen in der Presse – noch bevor die für den 3. Oktober geplante Premiere stattfinden konnte. Keiner der Kritiker hatte das Spiel gesehen, aber dennoch hatten sie sich eine Meinung gebildet. Die Berichterstattung war in einem Teil der Printmedien so emotional aufgeladen, dass die Premiere verschoben werden musste, um zu einer Versachlichung der Diskussion beizutragen.

Die öffentliche Premiere des Spiels „1378(km)“ findet nun am Freitag, dem 10.12.2010 von 19 bis 21 Uhr im Lichthof der HfG statt. Die Präsentation des Spiels wird begleitet von einer Podiumsdiskussion, an der Prorektor Dr. Uwe Hochmuth, Prof. Michael Bielicky, Prof. Dr. Heiner Mühlmann und Jens M. Stober teilnehmen. Der Eintritt ist frei.
 
„1378(km)“ ermöglicht als 3D-Simulation eine interaktive Zeitreise in das Jahr 1976 an unterschiedliche Abschnitte der innerdeutschen Grenze. Dabei haben die Spieler die Wahl, ob sie an den 1378 Kilometer langen Grenzanlagen, die sich quer durch Deutschland zogen, als Grenzsoldat der DDR oder als Republikflüchtling agieren möchten.

Mit dem nicht-kommerziellen Spiel, das ab 18 Jahren freigegeben ist, soll bei der jungen Generation das Interesse an der Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Geschichte geweckt werden: Themen wie Todesstreifen, Schießbefehl, Selbstschussanlagen, Republikflucht und die Verurteilung von Grenzsoldaten nach dem „Fall der Mauer“ sind in das „Serious Game“ integriert. Der Irrsinn der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze wird so leicht nachvollziehbar vermittelt, da er direkt in der Ich-Perspektive nachempfunden werden kann.

Der Autor es Spiels, Jens M. Stober, 1986 geboren und seit 2007 Student an der HfG Karlsruhe, hat auch das Spiel „FRONTIERS – An der Grenze Europas“ (www.frontiers-game.com) mitentwickelt, über das am 10. März 2010 Tagesschau und Tagesthemen berichteten. „FRONTIERS“ basiert auf dem gleichen Spielprinzip, nur dass hier Grenzsoldaten Flüchtlinge von der illegalen Einwanderung nach Europa abzuhalten versuchen.
 
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EIN PARADEBEISPIEL FÜR STILLE POST
von Tobias Roth
Badische Neueste Nachrichten
Karlsruhe, 30.10.2010

Selten hat ein Computerspiel schon vor seinem Erscheinen so hohe Wellen geschlagen wie „1378 (km)“, das der Student Jens Stober an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung (HfG) entwickelt hat. Das Spiel bildet die innerdeutsche Grenze im Jahr 1978 nach und thematisiert Begriffe wie Schießbefehl und Todesstreifen. Die Spieler schlüpfen dabei entweder in die Rolle eines Republikflüchtlings oder eines Grenzschützers. Das Medienecho nach der Präsentation war gewaltig: über 900 Artikel in Printmedien und über 1100 im Internet zählte die Pressestelle der HfG. Opferverbände reagierten empört, bezeichneten das Spiel als widerwärtig und verletzend. Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Tobias Roth blicken Michael Bielicky, Leiter des Fachbereichs Medienkunst, und Jens Stober auf die vergangenen Wochen zurück und nehmen Stellung zu den erhobenen Vorwürfen.

BNN: Wie sehr haben Sie die Reaktionen nach der Präsentation des Spiels überrascht?

Bielicky: Alle Beteiligten an der Hochschule waren von der Wucht der Reaktionen überrascht. Aber es gibt eine einfache Erklärung, es ist geradezu ein Paradebeispiel für stille Post und wie daraus irre Missverständnisse entstehen: Mit Hilfe der Boulevardpresse ist  ein Automatismus in Gang gesetzt worden und die Debatte in eine völlig falsche Richtung gelaufen.

Stober: Ich habe mir am Tag nach der Präsentation die Bild-Zeitung gekauft, weil ich mir gedacht habe, dass was kommt. Aber als ich dann gesehen habe, was da steht, war das schon ein Schockmoment, weil der Text vollkommen an den Tatsachen vorbeiging. Da kommt man sich vor wie im falschen Film. Die Berichterstattung führte dann dazu, dass ich beleidigt und bedroht wurde.

BNN: Sie wurden bedroht?

Stober: Ja, es kamen E-Mails, die waren schon sehr grenzwertig. Das war schon ziemlich hart. Ich war wütend und fühlte mich einfach vollkommen missverstanden.

BNN: Wie kam es dann zu der Entscheidung, die Veröffentlichung des Spiels abzusagen?

Stober: Gleich am Morgen nach der Präsentation bin ich ins Büro von unserem Pressereferenten gegangen, dort klingelte schon dauernd das Telefon, es gab massenhaft Anfragen. Wir haben dann alle gemeinsam entschieden, die Veröffentlichung abzusagen. Der Ansturm wäre zu groß gewesen. Außerdem hätte es noch zu einer weiteren Eskalation der Debatte beigetragen. Wir wollten einfach zuerst den Dampf aus der Diskussion rauslassen.

BNN: Aber hätten Sie die Kritik nicht erwarten müssen?

Stober: Es war mir klar, dass das Spiel kontroverse Diskussionen auslösen wird ­ nur nicht in dieser Form. Bereits im März hatte ich mit „Frontiers“ ein ähnliches Computerspiel vorgestellt, damals hatten unter anderem die Tagesthemen darüber berichtet. Das Spiel ist ziemlich ähnlich wie „1378 (km)“, nur dass es nicht an der innerdeutschen Grenze spielt, sondern an der europäischen Grenze. Dort versuchen Afrikaner, illegal nach Europa zu kommen. Auch in diesem Spiel kann man als Grenzschützer auf unbewaffnete Flüchtlinge schießen, nur das wurde damals nicht so in den Mittelpunkt gerückt. Das Spiel hat fast ausschließlich Lob bekommen.

BNN: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Ihr Spiel sei widerwärtig, weil man deutsche Flüchtlinge erschießt?

Stober: Man wird das Spiel nur gewinnen, ohne einen einzigen Schuss abzugeben. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Ballerspiel, das ist pure Absicht. Weil diese Spielform aus der Ego-Perspektive ein Agieren in Echtzeit bietet wie kein anderes Medium. Als Grenzschützer hat man die Möglichkeit zu sagen, ich lasse den Flüchtling laufen oder ich verhafte ihn ohne Einsatz meiner Waffe. Man kann sich sogar entscheiden, mit dem Flüchtling zusammenzuarbeiten und ebenfalls zu fliehen. Es gibt kein wahlloses Herumballern in diesem Spiel. Wer bis zu drei Flüchtlinge erschießt, landet in einem Mauerschützenprozess und ist aus dem Spiel.

BNN: Haben Sie Fehler gemacht?

Stober: Auch im Rückblick kann ich nicht wirklich Fehler erkennen. Vielleicht hat mir  ein bisschen die Sensibilität für das Thema gefehlt. Ich habe mich zwar im Vorfeld intensiv mit der Thematik beschäftigt, aber mir fehlt einfach auch der direkte Zugang, wie meiner gesamten Generation. Ich glaube nicht, dass man mir das zum Vorwurf machen kann.

BNN: Sie sehen es letztlich auch als einen Generationen-Konflikt, der in der ganzen  Diskussion zum Tragen kommt?

Stober: Ja, sicherlich. Junge Leute können bei so einem Spiel viel besser differenzieren. Ältere Menschen haben einfach keinen Zugang dazu. Viele wollen sich auch gar nicht mehr genauer damit beschäftigen, wenn sie sehen, dass es grafisch einem Ballerspiel ähnelt. Aber das Computerspiel ist das Leitmedium der jungen Generation, das sich weiter etablieren wird in unserer Gesellschaft.

BNN: Herr Bielicky, in ihrer Abteilung forschen sie mit Computerspielen. Wie weit ist denn die Etablierung dieses Mediums?

Bielicky: Wir sind eigentlich noch in der Steinzeit. Im allgemeinen Bewusstsein ist das Computerspiel noch immer ein Medium, das vor allem niedere Instinkte bedient. Aber dazu gibt es geschichtliche Vergleiche. Neue, innovative Medien brauchen einfach Zeit. Schauen Sie auf den Film, der diente zunächst vor allem den unteren Schichten als Unterhaltungsmedium. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis er eine in intellektuellen Kreisen anerkannte Kunstform geworden ist.

BNN: Und den gleichen Weg trauen sie dem Computerspiel zu?

Bielicky: Ich bin davon überzeugt, dass es so kommen wird. Film- und Musikindustrie können mit den Wachstumszahlen der Spieleindustrie nicht mehr mithalten. Das ist ein deutliches Zeichen in welche Richtung es gehen wird. Bestimmte Formen des Mediums Computerspiel werden in Zukunft den öffentlichen Raum erobern und zum Beispiel in architektonische Kontexte eingebunden sein.  Natürlich wird auch in Zukunft die Masse der Computerspiele auf Konsum ausgerichtet sein und qualitativ keinen hohen Ansprüchen genügen, aber so ist es ja auch beim Film.

BNN: Heißt das, Sie leisten an der HfG Pionierarbeit?

Bielicky: Das würde ich schon so sagen. Und nun kassieren wir die Prügel dafür (lacht). Nein, im Ernst, wir wollen den Begriff Computerspiel erweitern, es geht auch um eine Humanisierung der digitalen Kultur. Die eigentliche Leistung von „1378 (km)“ ist durch diese Diskussion ja völlig in den Hintergrund gedrängt worden. Das Spiel ist ein innovativer Beitrag zu einem schwierigen Thema, das noch sehr auf diesem Land lastet. Mit diesem Spiel wird das Thema an eine Generation herangetragen, die sich normalerweise für so eine Problematik überhaupt nicht interessiert.
 
© Badische Neueste Nachrichten, Karlsruhe

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Link zum Spiel: www.1378km.de
Weitere Links zu den Stellungnahmen von Rektorat und Professoren:
www.hfg-karlsruhe.de/news/computerspiel-premiere-1378km-verschoben.html
www.hfg-karlsruhe.de/news/1378km.html

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