Interview Dr. Cai Werntgen
Lieber Cai, soviel ich weiß, hattest Du Deine Dissertation an der Universität Freiburg bereits fast beendet, als Du Dich entschieden hast, an die HfG zu wechseln, ein Promotionsstudium der Philosophie und Medientheorie aufzunehmen und Deine Doktorarbeit nochmals von vorne zu beginnen. Welche Attraktion, welche Provokation womöglich, ging von dem Theorieangebot der HfG aus, die Dich zu diesem Schritt bewogen hat? Wurden Deine Erwartungen an die HfG erfüllt?
Ja, so ungefähr. Nach meinem ersten Besuch im frisch eröffneten ZKM November 1997 – ex eventu vielleicht mein, humanistisch- pathetisch gesprochen, prägendstes »Bildungserlebnis « – tummelte ich mich zunächst als externer Gasthörer an der HfG, vor allem im Umkreis der Vorlesungen und Seminare von Peter Sloterdijk und Boris Groys. Ich habe diese Zeit in besonderer Erinnerung: diese ICE-Trips ein, zwei mal die Woche aus der Freiburger »Alma mater« mit ihren langen, verstaubten, altehrwürdig vertäfelten Korridoren und Bibliotheken in das techno-coole ZKM/HfG-Ambiente in Karlsruhe, zweimal badische Provinz, und doch um Welten getrennt. Dazu die kleinen, streng selektierten und überschaubaren Seminare, der konzentrierte Meisterklassenmodus und diese aufgekratzte Aufbruchsstimmung, die sich nicht nur mit dem architektonischen Setting einstellte, sondern vor allem auch mit dem In-Echtzeit-Denken von Dozenten, die selbst noch etwas vor sich haben, die noch nicht aus Konserven schöpfen. Im Kontrast zum Inventar des klassischen philosophischen Seminars mit seinen lesenden Doktoranden, die nach der überstandenen Vorschlussrunde in kontemplativ-intriganter Lethargie die Moirapolitik der Stipendien- und Assistenzstellen am Hofe ihrer Dozenten ertrugen, erlebte ich den ZKM/HfG-Komplex wie einen pulsierenden Reaktor. Keine Wartehalle, sondern eine Transit-Zone, wo es von agilen, dynamischen Agenten nur so wimmelte, die alle etwas vor sich hatten und die dafür einen Preis zu zahlen bereit waren, den psychischen und physischen Weg der Anreise und den Aufwand eines strengen Castings. Im Grunde kreative Ich-AGs, Freelancer, von denen dieser Tage im Kontext der Prekariats-Debatte ja soviel die Rede ist, allerdings ohne den Faktor »Lamento« und »Depression«. Eher umgekehrt: das Kleingedruckte der Bildungsverträge unter turbokapitalistischen Markt- und Wettkampfbedingungen – Selbstverantwortung und Selbstmotivation – schien hier als Spielregel, ja Betriebsgrundlage der kreativen Operation vorausgesetzt. So war es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis der Karlsruher Virus, den ich mir auf meinen Expeditionen eingefangen hatte, mein ohnehin nur mühsam errichtetes akademisches Immunsystem kollabieren lassen würde. Im Sommer 2000 war es dann soweit. Nach dem Auslaufen meines Doktoranden-Stipendiums immatrikulierte ich mich offiziell, um meine begonnene Dissertation an der HfG abzuschließen. Doch dauerte es einige Zeit, bis ich die mit diesem Umzug implizierte Umstellung im Denken wirklich frei vollziehen und nutzen konnte. Ich lernte, dass es eines ist, an der klassischen Akademie die Rolle des Kritikers, Partisanen und Märtyrers zu bewohnen, ein anderes dagegen, in einer Transit-Zone Marke »HfG« eingeladen zu sein, den geforderten Frei-Raum wirklich aktiv zu nutzen, und zwar ohne Alibi, ohne Entlastung durch einen vermeintlichen Widersacher. Es dauerte seine Zeit, bis ich mich aus meiner mentalen Don Quichoterie herausgedreht hatte und endlich die Einladung annehmen konnte, all das, wofür man sich an der klassischen Akademie im Grunde zu schämen gelernt hatte, positiv in Betrieb zu nehmen – eben die Kunst der experimentellen Kontextwechsel, des »Theorien-Benutzens « (Thierry de Duve) oder eben mit Sloterdijk und Groys gesprochen: eine kreativ abgeklärte Ready-Made-Politik der Archive, Diskurse, Texte, ästhetisch-performativen Praxen, und zwar gerade auch der philosophisch-kanonischen Formen. Dieser Prozess dauert bis heute an.
Deine heutige Tätigkeit als Geschäftsführer einer forschungsnahen Stiftung lässt Dich viel mit hochrangigen Vertretern der deutschen und internationalen Akademia zusammenkommen. Wenn Du diese Erfahrungen mit denen als ehemaliger Doktorand der HfG zusammen nimmst: Wie würdest Du unseren Status in der akademischen Landschaft beurteilen? Gibt es so etwas wie ein »Alleinstellungsmerkmal « der HfG-Theorieabteilung und wenn ja, worin siehst du dessen Licht- und womöglich Schattenseiten?
Aus meinen persönlichen Beobachtungen der letzten Jahre kann ich das Mantra der Sloterdijkschen Rektorinterviews durchaus bekräftigen: innerhalb der deutschen Universitätslandschaft darf die HfG in der Tat den geheimen Exzellenz-Status einer »Insel der Seligen « für sich reklamieren. Als Alumnus der »Theorie-Abteilung« würde ich diese spezifische »Karlsruher Exzellenz« jedoch nicht nur aus ihrem infrastrukturellen und personellen Potential ableiten, sondern notorisch philosophisch, also pathetisch überspannt. Denn wenn es so etwas gibt wie eine »Karlsruher Lektion «, dann besteht diese für mich darin, dass hier wie nirgendwo sonst in die Schlüsselkompetenz der Hyper-Moderne – und das heißt immer auch: in die Kernkompetenz auf dem turbokapitalisierten Kulturarbeitsmärkten – strategisch eingeführt wird: in die Operationsform zweiter Ordnung, die eben doch mehr ist als Luhmann zugibt, eben keine »neutrale Form«, eher ein Psychoformat, ein Modus psychischer Fitness im strategischen Umgang mit Komplexitäten, performatives Kontextmanagement. Der Zauber der Karlsruher Exerzitien besteht darin, dass die hiesige Form von »Lehre und Lernen« mit dem Form-Gesetz der Moderne, der kopernikanischen Wende, im Zeichen Duchamps systematisch Ernst macht – »Kant und Hegel after Duchamp«. In diesem Sinne kann ich heute sagen, als akademisch scheinbar fertiger Philosoph und Philologe, also als Nicht-Künstler, an der HfG noch einmal neu denken gelernt zu haben. Dass dies gerade an einer Hochschule für Gestaltung stattfand, ist wohl kein Zufall, sondern führt direkt auf die Spur eines bildungspolitischen Mandats von »Hochschulen für bildende Künste« gerade in der aktuellen Bildungsdebatte. Vielleicht lohnt es sich, hier systematischer und offensiver anzuschließen, nicht zuletzt auch im Blick auf das Nadelöhr HfG-Fundraising. Insgesamt bleibt freilich zu beachten, dass sich meine Einschätzung einem ganz besonderen Umstand verdankt, der eben nicht die Regel ist: Sie verdankt sich der Tatsache, dass ich meine »Karlsruher Lektion« im Kontext eines bereits abgeschlossenen Philosophie-Studiums absolvieren konnte, also nach einem jahrzehntelangen Vorlauf in den Archiven der Tradition und ihrer Grammatik des lesenden Kniefalls und Respekts vor den Meistertexten. Ich würde daher nicht von »Schattenseite« sprechen, wohl aber doch im Blick auf die »Theorieabteilung« eine gewisse Sorge anmelden wollen, ob hier für eine fruchtbare und belastbare Dialektik zwischen Kontextkompetenz und Textinnenraumkompetenz genügend Sorge getragen wird. Dies nicht etwa, um althumanistische Allüren zu zementieren, sondern im Blick auf das Ausbildungsziel eines möglichst kompletten Armaturenbretts im Cockpit der Studierenden, wofür mir ein Mindestmaß an kanonischer Primärtext- Innenraum-Erfahrung unumgänglich scheint.
Deine berufliche Position gibt Dir einen beachtlichen Freiraum zur Gestaltung und erlaubt es Dir sogar, öffentlich wahrnehmbare Akzente in der deutschen Kulturlandschaft zu setzen. Inwiefern sind diese von Deiner »Karlsruher Lektion« beeinflusst und würden anders aussehen, hätte Dich Dein Bildungsweg nicht nach Karlsruhe und hier vor allem zu Peter Sloterdijk geführt?
Der Ausbildungsdeal an der HfG ist hart und reell, aber eben fair. Es gibt hier nicht das übliche akademische Versprechen – dieses Zeitvergeudungsspiel »Reise nach Jerusalem « (oder soll ich sagen: Schlachthaus?) um Stellen, Stipendien bei steigenden Mitspielerzahlen und abnehmenden Stühlen –, sondern nur ein Trainings-Angebot, in eine Disziplin und Wettkampfhärte eingeführt zu werden, ohne die du auf den Kulturarbeitsmärkten a priori verloren hast – nämlich strategische Operationalität, die Kunst des Kontextwechsels, die Kunst, kreativ Abstand zu nehmen, um so systematisch immer wieder etwas dazwischen kommen lassen zu können, Unterschiede zu kreieren, die einen Unterschied machen. Gerade in der aktuellen Eiszeit an den Universitäten, wo sich vor allem auch die philosophischen Biotope auflösen und sich ihre optimal eingepassten Bewohner in die Arenen des Marktes zerstreuen, ist das eine Frage des Überlebens. Ich verstehe die HfG als Ort, wo ich für diesen Ernstfall trainieren konnte: als Philosoph, und das heißt ja: ausgerüstet mit einem der schrägsten und unwahrscheinlichsten aller Datensätze überhaupt, sich in den scheinbar unmöglichsten Positionen und Kontexten der Gegenwart zu behaupten lernen, und zwar gerade indem du dieses weltfremde Wissen investierst. Es zeigt sich, dass dies gegenüber vielen anderen Asylanten in der Arena einen nicht unbeträchtlichen Wettbewerbsvorteil markiert. Viele der akademischen Asylanten (v.a. die sog. Geisteswissenschaftler) wissen oft nicht, was sie wissen und können und verkaufen sich unter Wert, und das nicht selten nach verzweifelten Last-Minute-Aktionen. Der Markt der Upgrade- und Nachschulungsexerzitien in den vermeintlichen »Schlüsselkompetenzen« boomt.
Was rätst du demnach einem Studierenden, der sich heute am Theoriestudiengang der HfG Karlsruhe neu eingeschrieben hat?
Eine verminte Frage, weil sie dazu verführt, den eigenen Bildungsweg als Matrize weiter zu geben. Deshalb eine – gnomische, natürlich selbstreflexive – Form-Maxime: Ich würde raten, das Prinzip der »Karlsruher Lektion « vor allem auch auf diese selbst anzuwenden. Also den Standort »HfG« systematisch durch andere Kontexte ergänzen, kontrapunktieren, irritieren. Für die Teilnehmer der Theorieabteilung heißt das eben auch: Pflicht-Exkursionen an die akademisch-philosophischen Standorte in der Umgebung: Heidelberg, Tübingen, Freiburg…
Interview: Marc Jongen (erschienen im HfG-Jahresbericht 05/06)
Die Udo-Keller-Stiftung FORUM HUMANUM hat ihren Stammsitz in Neversdorf bei Hamburg und fördert interdisziplinäre und interreligiöse Projekte in Forschung, Lehre und Praxis. Daneben verwirklicht die Stiftung aber auch eigene Vorhaben. Im April 2006 hat das von der Udo-Keller-Stiftung mitinitiierte Pilotprojekt zur Entwicklung eines interdisziplinären Studienprogrammes zum Dialog zwischen Natur- und Geisteswissenschaften unter dem Arbeitstitel FORUM SCIENTIARUM an der Eberhard Karls Universität seinen Betrieb aufgenommen. Die Editionen des vom Suhrkamp Verlag neu gegründeten »Verlags der Religionen« werden von der Udo Keller Stiftung FORUM HUMANUM in Zusammenarbeit mit der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg umfassend und prägnant gefördert.
Siehe www.forum-humanum.org für weitere Informationen.
